Jon [Weiss] und ich schauten uns das gefilmte Live-Material an auf der Suche nach einem Titel für die Platte - ein Titel, der widerspiegeln sollte, worum es sich bei der deutsch-amerikanischen Band Die Monks eigentlich handelte. Die Monks waren Teil einer deutschen/europäischen Beat-Bewegung und als Endresultat nicht nur eine scharfe Reaktion auf diese Bewegung, sondern gar der Versuch, sie umzustürzen. Die Beatles spielten Weihnachtsmusik. Die Monks hingegen waren der Aufstand, erzählte uns der deutsche Künstler (ARTronaut) Charles Wilp. Die Monks bekämpften romantische Rockmusik - auf musikalische und ästhetische Weise. Statt zu vereinen, entzweiten sie. Ihre Musik erwies sich als Popmusik in ihrer höchsten Form.
W. Niemann und K.-H. Remy, die beiden Manager der Monks, hatten ihren Background in der Welt der Kunst und Werbung. Gemeinsam mit dem jungen Produzenten Jimmie Bowien von der Plattenfirma Polydor waren sie auch Teil einer größer werdenden deutschen Gegenkultur - eine Gegenkultur, die der amerikanischen Besatzungsmacht sehr ambivalent gegenüberstand. (Zwischen 1945 und 1992 waren mehr als 10 Millionen amerikanische Soldaten mit ihren Familien in West-Deutschland stationiert.)
Nach der Befreiung Deutschlands durch die Alliierten im Jahr 1945 waren nicht nur die Städte im ganzen Land zerstört; die Nazis hatten auch die kulturelle Identität vernichtet. Deutschland war zweigeteilt. Der westliche Teil verwandelte sich in einen kulturellen und ökonomischen Satelliten der Vereinigten Staaten. In den 50er- und 60er-Jahren hatte die CDU unter ihrem Kanzler Konrad Adenauer konservative Strukturen wiederhergestellt. In der ersten Hälfte der 60er-Jahre sah sich Deutschland einer kulturellen Revolution ausgesetzt. Erstmals in der Nachkriegsgeschichte versuchte das Land, sich mit der eigenen Nazivergangenheit auseinanderzusetzen. Eine junge Generation begann plötzlich, Fragen zu stellen. Für viele junge Leute bedeutete Beatmusik nicht nur, die neu entdeckte Sexualität zu genießen. Sie diente auch als perfektes Vehikel, um den konservativen Idealen der älteren Generation provozierend entgegenzutreten.
Die amerikanische Kultur wirkte liberaler. Doch diese positive Einstellung gegenüber der Besatzungsmacht änderte sich erheblich mit den ersten Nachrichtenbildern, die über Rassenhass, welcher gleichfalls innerhalb der amerikanischen Streitkräfte in Deutschland zu beobachten war, und über die kriminellen Aktivitäten in Vietnam berichteten. Wie konnte der erklärte Verteidiger der Demokratie solche Ungerechtigkeiten tolerieren? Das geteilte Deutschland mit seinen Erinnerungen an einen verlorenen Krieg, reagierte empfindsamer als die USA auf den beginnenden Vietnamkrieg. Die Monks als ehemalige Soldaten hatten die Möglichkeit eines ausbrechenden Krieges am eigenen Leib erfahren. Während der Kuba-Krise waren sie nur wenige Kilometer vom Eisernen Vorhang entfernt stationiert.
Die fünf Mönche fielen direkt in diese sehr "deutsche" Situation hinein. Die deutschen Manager lieferten das künstlerische und politische Grundgerüst. Die Monks füllten es mit ihren eigenen Verwirrungen und Ängsten. Das Interessante an der Geschichte der Monks ist, wie dieses spezifisch deutsche Umfeld einen neuen Sound kreierte. Wie die deutschen Manager amerikanischen Rock'n'Roll aufnahmen, filterten und dabei avantgardistsiche Aspekte an- und einfügten, und wie umgekehrt amerikanische Rock'n'Roller deutsche Kultur in sich aufnahmen, filterten und, ihre amerikanischen Traditionen miteinbringend, letztendlich zu deutschen Beatmusikern wurden.
Ohne jeglichen Zweifel sind die Monks eine deutsch-amerikanische Kreation, weil sie wie keine andere Gruppe in der Geschichte die zwei Seiten des Atlantiks verkörpern, deren soziale, politische und kulturelle Reibungen und Missverständnisse. Als die Monks im Herbst 1967 auseinanderbrachen, war die große Zeit der Beatmusik vorbei. In Deutschland allerdings hatten die "Aufstände" in Form der Studentenrevolte Gestalt angenommen.
Der musikalische und ästhetische Nachlass der Monks wurde schon bald, wohl eher unbewusst als bewusst, von ihren deutschen Landsleuten aufgenommen: - von Krautrockbands wie Can, Amon Düül, Kraftwerk, Faust und vielen anderen.
Hey, lass uns einen Beat spielen, könnte Jochen Irmler (Gründungsmitglied von Faust) gedacht haben, als er als Sechzehnjähriger die Monks im Bremer Beat-Club den Song "Monk Chant" improvisieren sah. Hier sagte jemand NEIN, eine neue Freiheit, ein positives NEIN. Musikalisch war es wie ein Neuanfang. Alles basierte auf einem Beat, einem archaischen Rhythmus und Feedback. Es war das erste Mal, dass eine Band frei und gelöst wirkte und obendrein voll auf die Zukunft ausgerichtet war.
Hätte man sich an das Regelwerk der Monks aus den 60er-Jahren gehalten, wäre es konzeptionell ein Fehler gewesen, die Band nach über 30 Jahren wiederzuvereingen. Es war allerdings der feuchte Traum eines jeden Fans, diese mysteriöse Band live zu sehen, der es in den Vereinigten Staaten weder erlaubt war, ihr Meisterwerk "black monk time" zu veröffentlichen noch eine Bühne zu betreten. In diesem Sinn war die Wiedervereinigung keine Wiedervereingung. Es war die lang verdiente (Wieder-) Entdeckung dieses scheinbar verlorengegangen Schatzes. Für uns Filmemacher war es ein pures Vergnügen, Roger Johnston, Dave Day, Gary Burger, Eddie Shaw und Larry Clark für zwei Nächte diese einzigartige Hommage mit vielen jungen Fans und einigen älteren feiern zu sehen.
Sänger Gary Burger erläuterte zwischen den Songs und Zeilen den ungewöhnlichen Werdegang der Band. Es ist nun dem Hörer überlassen, nach diesen Hinweisen, Andeutungen und kleinen Veränderungen, die die fünf Bandmitglieder vornahmen, zu suchen. Ich persönlich denke nicht, dass die Monks den Geist von 1966 wieder einfingen, wie die New York Times tags darauf schrieb, und wie vielleicht einige Fans versucht sind zu glauben. Ich meine, "the monks just started a beat!", und nur Gott weiß (Ich bitte um Verzeihung für die Blasphemie), wo dieser BEAT! ein Ende finden wird.
Dietmar Post ist der Regisseur und Produzent des bald erscheinenden Dokumentarfilms "the monks - lets start a beat".